54 % aller Produktsuchen starten auf Amazon — nicht auf Google
Ich schaue mir regelmäßig Marketingbudgets von Herstellern an. Das erste, was mir auffällt: Fast alle investieren primär in Google — SEO, Google Ads, Google Shopping. Das Marketingteam kennt Quality Score, Cost-per-Click und Impressionsanteile auswendig. Amazon ist ein Nebenprojekt, das irgendjemand im Account-Management betreut.
Das Problem: 54 bis 63 % aller Produktsuchen starten heute direkt auf Amazon — nicht auf Google. Bei B2C-Konsumgütern, Health, Home, Electronics. Der Ort, wo Kaufentscheidungen fallen, hat sich verschoben. Die Budgetallokation der meisten Hersteller hat das nicht mitgemacht. Das ist kein kleines Optimierungsproblem. Das ist strukturelles Fehlinvestment.
Abschnitt 01
Wie sich Produktsuche verändert hat — von Google zu Amazon
2015 war Google noch der Startpunkt für rund 55 % aller Produktsuchen. Das stimmte damals. Und es hat die Budgets geprägt, die heute noch so aussehen wie damals. Seitdem hat sich etwas verändert, das in keiner Marketingkonferenz laut genug gesagt wird: Amazon hat Google als primäre Produktsuchmaschine abgelöst.
Aktuelle Studien — unter anderem von Jungle Scout, Profitero und dem Digital Commerce 360 Institut — zeigen konsistent: 54 bis 63 % aller Produktsuchen beginnen heute direkt auf Amazon. Nicht bei Google. Nicht bei einem Preisvergleich. Auf Amazon. Das ist kein Nischenphänomen. Das gilt besonders für diese Kategorien: Fast Moving Consumer Goods (FMCG), Health & Beauty, Haushalt, Elektronik-Zubehör, Tiernahrung, Sportartikel.
Was das konkret bedeutet: Wenn ein Käufer Proteinpulver, ein Küchenmesser, Sonnenschutzmittel oder einen Bluetooth-Lautsprecher kaufen will, tippt er in Amazon — nicht in Google. Google sieht diese Suchanfragen nicht. Google Shopping sieht sie nicht. Und die Kampagne, die du bei Google buchst, greift an einem Touchpoint ein, der bei dieser Kaufentscheidung gar nicht mehr stattfindet.
Verschiebung im Überblick
2015: ~55 % der Produktsuchen starten bei Google — Amazon war Fulfillment-Plattform, nicht Suchmaschine
2020: Erstmals Kipppunkt — mehr als die Hälfte der Produktsuchen gehen direkt auf Amazon
2024: 54–63 % starten auf Amazon — abhängig von Kategorie und Zielgruppe
Warum ist die Verschiebung so stark? Drei Faktoren haben sich gegenseitig verstärkt. Erstens: Prime. Wer Prime hat, hat gespeicherte Zahlungsdaten, kennt das Retourenmodell, vertraut der Lieferzeit. Der Kaufprozess ist so kurz, dass der Umweg über Google eine Reibungsstufe darstellt, die echte Kosten in Zeit bedeutet.
Zweitens: Bewertungen. Amazons Bewertungssystem — trotz aller Manipulationsversuche — ist das dichteste und für Käufer unmittelbarste Informationssystem für Produktentscheidungen. Wer auf Amazon sucht, hat Preisvergleich, Bewertungen und Lieferzusage auf einer Seite. Drittens: Mobile. Auf dem Smartphone ist der Aufwand, von einem Google-Ergebnis über externe Händler zu einem Kauf zu kommen, erheblich größer als direkt in der Amazon-App zu kaufen. Diese drei Faktoren wurden nie rückgängig gemacht.
Abschnitt 02
Was Amazon-Suche von Google-Suche unterscheidet
Wer sagt „Amazon ist auch eine Suchmaschine“, hat die Dimension des Unterschieds noch nicht begriffen. Amazon und Google sind strukturell verschieden — nicht in der Technik, sondern in der Absicht der Nutzer, den Ranking-Faktoren und dem Zeitraum bis zur Kaufentscheidung.
Suchabsicht: 100 % transaktional vs. gemischtes Intent-Spektrum
Google unterscheidet vier Intent-Typen: informational, navigational, commercial, transactional. Wenn jemand auf Google „beste Kaffeemühle“ sucht, könnte er kaufen wollen — oder einen Testbericht lesen, Preise vergleichen, oder sich eine Meinung bilden. Rund 40 % aller Produktsuchen auf Google sind informational, nicht transaktional.
Auf Amazon gibt es nur einen Intent: kaufen. Wer auf Amazon „Kaffeemühle“ eingibt, will eine kaufen. Keine Ausnahmen. Die Conversion Rate ist kein Zufall — sie spiegelt die Kaufbereitschaft wider, die mit dieser Suche kommt.
Ranking-Faktoren: Conversion statt Backlinks
Google rankt über Domain Authority, Backlinks, Seitenstruktur, Ladezeit, E-E-A-T. Investitionen in Google SEO sind in erster Linie Investitionen in technische Exzellenz und externe Verlinkung. Das dauert Monate bis Jahre.
Amazon rankt über Conversion Rate, Bewertungsanzahl und -qualität, Lagerbestand, Click-Through-Rate auf Suchergebnissen und Keyword-Relevanz im Listing. Das ist ein anderes System. Wer hier mit Google-SEO-Logik arbeitet — viele Keywords rein, Texte aufblähen — verschlechtert seinen Rank. Amazon bestraft schlechte Conversion. Nicht dünnen Content.
Kaufzeitraum: Minuten vs. Tage
Der durchschnittliche Google-Conversion-Pfad für ein Produkt unter 100 € dauert 1,8 Tage. Mehrere Touchpoints, Preisvergleiche, Rückkehr zur Seite, dann Kauf. Retargeting funktioniert hier, weil Zeit und Entscheidungsspielraum vorhanden sind.
Auf Amazon dauert der Durchschnittskauf für Prime-Mitglieder unter 20 Minuten. Suche, zwei bis drei Listings anschauen, kaufen. Diese Entscheidung ist zu dem Zeitpunkt, wo Google Retargeting eingreift, bereits gefallen. Du bist zu spät.
Abschnitt 03
Warum CPC-Vergleiche zwischen Google und Amazon in die Irre führen
Das höre ich regelmäßig in Gesprächen mit Marketingverantwortlichen: „Amazon ist ähnlich teuer wie Google, da machen wir lieber Google.“ Das stimmt nicht. Die Zahlen werden verglichen, aber die falsche Metrik.
CPC im Vergleich — Konsumgüter
Der CPC ist vergleichbar. Der Cost-per-Order ist es nicht. Amazon kostet pro abgeschlossenem Kauf in diesem Beispiel rund 8 Euro. Google Shopping rund 45 Euro. Das ist kein Rundungsfehler — das ist ein 5-facher Unterschied, der aus der Conversion Rate entsteht, nicht aus dem Klickpreis.
Warum konvertiert Amazon so viel besser? Zwei Gründe. Erstens: Kaufabsicht beim Einstieg in die Suche, wie oben erklärt. Zweitens: Prime-Mitgliedschaft. Prime-User haben ihre Zahlungsdaten gespeichert, kennen das Rückgabeprozedere, vertrauen der Plattform. Ein Klick auf Amazon von einem Prime-User ist strukturell wertvoller als ein Klick auf einen fremden Onlineshop von einem Google-User. Das lässt sich nicht mit Bidding-Strategien kompensieren.
Ich sehe das regelmäßig in Mandaten. Wenn wir Amazon ACoS und Google ROAS in denselben Report laden und auf Cost-per-Order normieren, kippt das Bild in fast jedem Fall. Der Google-Kanal sieht auf der CPC-Ebene kompetitiv aus. Auf der Order-Ebene ist Amazon fast immer billiger — teils um Faktor 3 bis 5.
Die Metrik, die zählt, ist nicht der CPC. Es ist der Cost-per-Order. Wer das nicht vergleicht, trifft Budgetentscheidungen auf Basis falscher Zahlen.
Abschnitt 04
Wann Google weiterhin der richtige Kanal ist
Das hier ist kein Plädoyer gegen Google. Google ist für bestimmte Kaufentscheidungen und bestimmte Phasen der Kundenreise nach wie vor der richtige Kanal. Der Fehler liegt darin, Google als Default zu wählen — ohne zu fragen, ob der Kanal zur Kaufentscheidungsstruktur des Produkts passt.
Google gewinnt klar in drei Situationen:
Hochpreisige Kaufentscheidungen — B2B und Investitionsgüter
Wer eine CNC-Fräse, eine Serverinfrastruktur oder einen Maschinenpark kauft, fängt nicht auf Amazon an. Wer ein ERP-System evaluiert oder eine Beratungsleistung sucht, kauft nicht impulsiv. Für Produkte und Dienstleistungen mit Preisen über 1.000 €, langen Entscheidungszyklen und mehreren beteiligten Entscheidern ist Google der richtige Kanal — weil hier der informational Intent dominiert.
Google Ads erlaubt hier, im richtigen Moment mit dem richtigen Argument zu erscheinen — während sich der potenzielle Kunde noch im Recherche-Modus befindet. Das ist ein Vorteil, den Amazon nicht bieten kann.
Informational Research — Wissensaufbau vor der Kaufentscheidung
Wenn ein Käufer noch nicht weiß, was er kaufen will — wenn er versteht, welche Parameter eine Rolle spielen, welche Alternativen existieren, was andere Nutzer berichten — dann ist Google der richtige Kanal. Der Content-Marketing-Ansatz (Blogartikel, Vergleichsseiten, FAQ-Seiten) funktioniert hier, weil er in der Informationsphase greift.
Dieser Ansatz ist sinnvoll für Premium-Marken, die ihren Produktansatz erklären müssen. Für Commodity-Produkte mit bekannten Spezifikationen ist er weitgehend überflüssig — da startet die Suche bereits auf Amazon.
Brand Awareness — wenn Bekanntheit das Ziel ist
Display-Kampagnen auf Google und YouTube eignen sich für Markenaufbau in breiten Zielgruppen. Das hat Amazon nicht in gleicher Tiefe. Amazon DSP ist ein alternatives Tool, aber Google hat schlicht mehr Reichweite und mehr Targeting-Optionen für Awareness-Ziele.
Für B2C-Produkte unter 100 €: Google Awareness-Kampagnen können den Amazon-Kanal vorbereiten. Aber die Konversion findet dann auf Amazon statt — und wenn du dort nicht sichtbar bist, gibt jemand anderes den Abschluss.
Abschnitt 05
Praktische Budgetallokation — ein Framework
Kein Modell passt auf jedes Unternehmen. Aber das folgende Framework gibt einen Startpunkt für die Frage, welcher Kanal für welches Produkt die richtige Primärinvestition ist. Es basiert auf drei Variablen: Durchschnittspreis, Kaufzyklus, Zielgruppe.
| Produkttyp | Ø-Preis | Kaufzyklus | Primärkanal |
|---|---|---|---|
| B2C Konsumgut | unter 50 € | unter 1 Tag | Amazon (80 %+ Budget) |
| B2C Semi-Premium | 50 – 150 € | 1 – 3 Tage | Amazon (60 %) + Google (40 %) |
| B2C Hochpreis | über 150 € | 3 – 14 Tage | Google (50 %) + Amazon (50 %) |
| B2B Investitionsgut | über 500 € | 30 + Tage | Google / LinkedIn (80 %+) |
| B2B Verbrauchsmaterial | unter 100 € | wiederkehrend | Amazon Business (stark unterschätzt) |
Die wichtigste Faustregel: Wenn B2C + Preis unter 150 € + Kaufentscheidung in unter drei Tagen — erhöhe Amazon-Budget. Das ist der Bereich, in dem die meisten Hersteller strukturell falsch investiert sind. Sie geben 70 % des digitalen Mediabudgets für Google aus, obwohl 60 % ihrer Zielgruppe die Kaufentscheidung auf Amazon trifft.
Der umgekehrte Fehler ist seltener, aber er existiert: B2B-Hersteller mit Kaufzyklus über 30 Tagen und mehreren Entscheidern, die in Amazon PPC investieren, weil die Plattform gerade populär ist. Das funktioniert nicht. Amazon Business gibt es — aber für komplexe B2B-Kaufentscheidungen mit langen Abstimmungsrunden ist die Plattform nicht gebaut. Für Verbrauchsmaterialien, Bürobedarf, Hygieneartikel unter 100 € im B2B-Kontext: Amazon Business ist dagegen massiv unterschätzt.
In der Praxis bedeutet das: Ich sehe bei Herstellern regelmäßig, dass die Umschichtung von 20 Prozentpunkten Budget von Google Shopping zu Amazon Sponsored Products — bei sonst gleichen Bedingungen — den Cost-per-Order um 30 bis 50 % senkt. Nicht weil Google schlecht ist. Sondern weil das Budget endlich dort wirkt, wo die Entscheidung fällt.
Weiterführend: Damit die Budget-Umschichtung auf Amazon auch wirkt, muss die Kampagnenstruktur stimmen.
Wie du Amazon ACoS strukturiert managst und Conversion Rate und Budget effizient steuerst, erklärt dieser Artikel im Detail.
Das Wichtigste in Kürze
Vier Sätze, die du mitnehmen solltest
54 % aller Produktsuchen starten auf Amazon. Die meisten Marketingbudgets spiegeln das nicht wider. Das ist keine Meinung — das sind Zahlen, die seit 2020 konsistent dieselbe Richtung zeigen.
Der CPC auf Amazon und Google ist ähnlich. Der Cost-per-Order nicht. Amazon konvertiert 5–10x besser — weil die Kaufabsicht beim Suchstart eine andere ist.
Google bleibt der richtige Kanal für hochpreisige B2B-Entscheidungen, Informationsphasen und Brand Awareness. Für B2C-Produkte unter 150 € mit kurzem Kaufzyklus ist Amazon der primäre Entscheidungsort.
Budgets folgen Gewohnheiten — nicht Daten. Die Frage ist nicht „Google oder Amazon?“, sondern „Wo fällt die Kaufentscheidung für dieses Produkt?“ Wer das beantwortet, kann das Budget sinnvoll verteilen.
Häufige Fragen
FAQ
Was ist der Unterschied zwischen Google Shopping und Amazon PPC?
Google Shopping zeigt Anzeigen an Nutzer, die möglicherweise kaufen wollen — aber auch recherchieren, vergleichen oder einfach neugierig sind. Amazon Sponsored Products zeigen Anzeigen an Nutzer, die auf Amazon mit Kaufabsicht suchen. Conversion Rate bei Amazon: 10–15 % (Prime-User). Google Shopping: 1–3 %. Der CPC ist ähnlich. Das Ergebnis ist es nicht.
Muss ich mich zwischen Google und Amazon entscheiden?
Nein — aber du musst wissen, welcher Kanal welche Funktion hat. Amazon gewinnt bei B2C-Produkten unter 150 € mit kurzer Kaufentscheidung. Google gewinnt bei hochpreisigen Kaufentscheidungen, Informationsbedarf und B2B. Die meisten Hersteller investieren zu viel in Google und zu wenig in Amazon — nicht weil Google schlecht ist, sondern weil der Ort der Kaufentscheidung sich verschoben hat.
Wie tracke ich den Einfluss von Amazon auf meine Marke?
Amazon Brand Analytics (für Seller und Vendoren mit Brand Registry) zeigt, über welche Suchbegriffe deine Produkte gefunden werden und wie Kunden vorher nach dir gesucht haben. Außerdem: Share of Voice über Sponsored Products Impression Share und Marktanteil-Berichte in der Advertising Console. Diese Daten fehlen in den meisten Marken-Dashboards — weil die Marketingteams sie nicht kennen oder keinen Zugang haben.
Was kostet Amazon PPC im Vergleich zu Google?
Amazon CPC liegt für Konsumgüter bei 0,60–1,40 €. Google Shopping ähnlich. Aber der Cost-per-Order ist bei Amazon deutlich niedriger — weil die Conversion Rate 5–10x höher ist. Bei 1,00 € CPC und 12 % CVR kostet eine Amazon-Bestellung 8,33 €. Bei 1,00 € CPC und 2 % CVR auf Google Shopping kostet eine Bestellung 50 €. Die Metrik, die zählt, ist nicht der CPC — sie ist der Cost-per-Order.
Dieser Text stammt aus aktiver Mandatsarbeit.
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Ich betreue Vendor- und Seller-Accounts aktiv und schaue mir Budgetstrukturen an, die seit Jahren auf Google ausgerichtet sind — während die Kaufentscheidung längst woanders fällt. Wenn du das für dein Sortiment durchrechnen willst, findest du mehr unter Leistungen →
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